Tagset Narratologie (discours)

1. Kurzbeschreibung

Das Tagset Narratologie (discours) ist für die Annotation narrativer Elemente in Texten geeignet. Es enthält grundlegende Kategorien für die Analyse des Diskurses (discours, d. h. der Art und Weise der Darstellung) und basiert maßgeblich auf Arbeiten der strukturalistisch orientierten Narratologie.

2. Anwendungsbeispiel

Angenommen, Sie möchten an einem kleinen Korpus deutschsprachiger Novellen des 18. Jahrhunderts eine erste explorative Studie zu der Frage durchführen, ob bzw. in welchen Hinsicht sich die Erzählweise in kürzeren narrativen Texten im Laufe des Jahrhunderts verändert hat (z. B. hinsichtlich der zeitlichen Gestaltung oder hinsichtlich der Perspektive, aus der die Geschichte präsentiert wird). Sie können hierfür die im Tagset Narratologie (discours) zur Verfügung gestellten Kategorien für die discours-Analyse nutzen, um unterschiedliche Facetten der erzählerischen Darstellung in Ihrem Korpus → manuell zu annotieren. Diese Annotationen lassen sich dann beispielsweise mithilfe von Queries oder geeigneter → Visualisierungen untersuchen, um erste Muster zu erkennen.

3. Diskussion

Die Narratologie ist eine geisteswissenschaftliche Disziplin, die Prinzipien und Praktiken des Erzählens zum Gegenstand hat (vgl. Meister 2014). In diesem Zusammenhang gehört zur narratologischen Arbeit zum einen die Entwicklung theoretischer Modelle für die Beschreibung, Analyse und teilweise Interpretation erzählender Texte, zum anderen die Erforschung konkreter (meist, aber nicht ausschließlich fiktionaler) Erzählungen.

Die Narratologie ist in den 1960er Jahren aus dem russischen Formalismus und dem französischen Strukturalismus hervorgegangen und orientiert sich deswegen in ihrer Ursprungsform an den entsprechenden Forschungsparadigmen: Maßgeblich geprägt durch Gérard Genettes Discours du récit (vgl. Genette 2007 [1972]), konzentrieren sich narratologische Arbeiten insbesondere auf die Entwicklung von systematisch organisierten Kategorien zur genauen Beschreibung narrativer Textmerkmale (vor allem der Facetten der Darstellung: Wer erzählt die Geschichte, an wessen Perspektive orientiert sich die Erzählung, wie ist die Präsentation zeitlich organisiert?). Die strukturalistisch ausgerichtete Variante der Narratologie versteht sich aufgrund dieser festgelegten Maßstäbe und Systematiken als wenig kontextabhängiger bzw. wenig interpretativer Zugang zur Texterforschung, der meist intersubjektiv nachvollziehbare Ergebnisse liefert und als Heuristik für die Textinterpretation dienen kann (vgl. Kindt und Müller 2003).

Ungefähr seit den 1980er, vermehrt seit den 1990er Jahren entwickelt sich die Narratologie dann zu einer zunehmend diverseren Disziplin bzw. zu einem Konglomerat von Unterdisziplinen. Hinzu kommen dabei im Rahmen sogenannter postklassischer Narratologien neue Untersuchungsgegenstände in Form anderer Medien (vgl. z. B. Kuhn 2011 für Filmnarratologie; Thon 2016 für transmediale Narratologie) sowie neue Kontexte (vgl. Herman 1999). Besonders durch die Kopplung erzähltheoretischer Untersuchungen an bestimmte Kontexte (beispielsweise Leseforschung, Gendertheorie oder Kulturwissenschaft) transformieren sich narratologische Untersuchungen teilweise von beschreibender und analytischer Texterforschung zu einem genuin interpretativen Unterfangen.

Gerade die strukturalistisch-formalistische Variante narratologischer Untersuchungen scheint aufgrund ihres Fokus auf Textbeschreibung und ihres systematischen Kategorieninventars prädestiniert für eine computergestützte Umsetzung. Tatsächlich gibt es bereits zahlreiche Projekte, die sich der Computational Narratology (vgl. Mani 2013) zuordnen lassen – insbesondere auch solche, die stark von Close-Reading-Methoden und → manueller Annotation Gebrauch machen (vgl. z. B. Bögel et al. 2015; Brunner 2015; Gius 2015; Modrow 2016). Dennoch eignen sich bestimmte digitale Methoden auch zur Unterstützung postklassisch-narratologischer Projekte – so beispielsweise hermeneutische Annotation.

Die Kategorien des hier vorgestellten Tagsets sind weitgehend als Beschreibungskategorien zu verstehen und sind daher an keine bestimmte Interpretationstheorie gekoppelt. Je nach Ambiguität oder Deutungsoffenheit der mithilfe des Tagsets analysierten Texte kann die Annotation von Textelementen allerdings dennoch (bestimmte Formen von) Interpretation erfordern. Die Kategorien für die discours-Analyse orientieren sich weitestgehend an Genette (2007) – mit Ausnahme derjenigen zu Erzählebenen, die auf einem Modell von Ryan (1991) basieren. Das Tagset kann entsprechend als Reduktion und starke Vereinfachung der in Gius (2015) bzw. Modrow (2016) entwickelten narratologischen Tagsets verstanden werden.

4. Tagset

Sie können das Tagset Narratologie (discours) hier als XML-Datei herunterladen, um es dann in geeignete Tools (beispielsweise → CATMA) zu importieren und es dort zu verwenden. Abbildung 1 zeigt die im Tagset enthaltenen Tags in ihrer hierarchischen Struktur sowie die Properties und Values.

Abb. 1: Tagset Narratologie (discours
Abb. 1: Tagset Narratologie (discours

5. Richtlinien zur Anwendung

Zunächst ein allgemeiner Hinweis: Diese Richtlinien enthalten nur spezifische Anwendungshinweise für die Tags, die sich auf der untersten Hierarchieebene befinden (also beispielsweise nicht discours, Stimme oder Erzähler, sondern homodiegetisch oder heterodiegetisch). Hierarchisch höherliegende Kategorien dienen dagegen vor allem der Systematisierung.

Im Folgenden werden die einzelnen Kategorien kurz definiert – für die Tags der untersten Hierarchieebene werden darüber hinaus Hinweise zur Länge der annotierten Passage und zu textuellen Indikatoren angegeben sowie i. d. R. ein Beispiel (viele der Beispiele sind aus Gius und Jacke 2016 übernommen).

discours: Die hier versammelten Kategorien dienen der Annotation der Art und Weise des Erzählens.

5.1 Stimme

Stimme: Diese discours-Kategorien werden für die Analyse der Erzählstimme verwendet.

Erzählebenen: Diese Unterkategorien zu Stimme dienen der Analyse von Rahmen- und Binnenerzählungen. Sie eignen sich als Einstieg für eine explorative narratologische Annotation. Erzählebenen segmentieren Erzählungen und haben Einfluss auf die weitere narratologische Analyse (s. u.). Dem in diesem Tagset operationalisierten Ebenenkonzept zufolge unterscheiden sich Erzählebenen entweder illokutionär (d. h. sie werden durch unterschiedliche Erzählinstanzen präsentiert) oder ontologisch (d. h. sie erzählen von verschiedenen Realitätssystemen; Beispiele finden Sie unten).

Erzählebenen-Annotationen werden in der Regel gestapelt: Tritt beispielsweise im Rahmen einer sekundären Ebene eine tertiäre Ebene auf, wird die tertiäre Ebene an der relevanten Textstelle zusätzlich annotiert.

  • Tag primäre Ebene: Hierbei handelt es sich um die grundlegende Erzählebene, die jede Erzählung notwendigerweise aufweist.
    • Länge der annotierten Passage: i. d. R. mehrere Absätze.
    • Indikatoren: Die primäre Erzählebene umfasst normalerweise die gesamte Erzählung.
    • Hinweis: Da diese Annotation i. d. R. die gesamte Erzählung umfasst, empfiehlt es sich oft aus pragmatischen Gründen, sie wegzulassen.
  • Tag sekundäre Ebene: Mit diesem Tag werden Passagen annotiert, die Erzählebenen enthalten, die direkt in die primäre Erzählebene eingebettet sind. Eine solche Einbettung kann durch eine illokutionäre Grenzüberschreitung stattfinden (d. h. eine erzählte Figur wird zur erzählenden; dies umfasst auch den Fall, in dem eine Erzählinstanz Äußerungen wiedergibt, die sie als erzählte Figur getätigt hat) oder durch eine ontologische Grenzüberschreitung (d. h. wenn in ein anderes Realitätssystem gewechselt wird, z. B. in Traumsequenzen, Wunschvorstellungen oder intratextuellen Fiktionen).
    • Länge der annotierten Passage: i. d. R. Sätze oder Absätze.
    • Indikatoren: Figurenrede (oft eingeleitet durch verba dicendi und/oder eingerahmt von Anführungsstrichen) für illokutionäre Grenzüberschreitungen; Konjunktiv oder verba pensiendi für ontologische Grenzüberschreitungen.
    • Property Grenzüberschreitung: Diese Property wird verwendet, um in Annotationen für sekundäre Erzählebenen festzuhalten, durch welche Art von Grenzüberschreitung die eingebettete Ebene entsteht. Mögliche Values sind illokutionär und ontologisch (s. o.).  Es ist auch möglich, beide Values zusammen zu vergeben.
    • Beispiel: „,Ich war krank!’ sagte Matteo leise.” (C. F. Hebbel: Matteo; illokutionäre Grenzüberschreitung)
  • Tag tertiäre Ebene: Mit diesem Tag werden Passagen annotiert, die Erzählebenen enthalten, die direkt in sekundäre Erzählebenen eingebettet sind. In allen weiteren Punkten gleichen sie sekundären Erzählebenen.
    • Beispiel: „Am nächsten Morgen erzählte uns Frau von B., daß sie geträumt habe, der schöne Armenier läge schlafend auf einer Bank [...]” (F. G. zu Reventlow: Das polierte Männchen; ontologische Grenzüberschreitung)

Erzählinstanz: Diese Kategorie ist  ebenfalls der Analyse der Erzählstimme gewidmet. Das hier relevante Kriterium ist der ontologische Status der Erzählinstanz in Relation der von ihr erzählten Welt. Die Tags werden pro Erzählebene vergeben, d. h. es wird in der Regel eine gesamte Erzählebene mit einem Tag annotiert, auch wenn der ontologische Status der Erzählinstanz nicht in jedem Satz eindeutig markiert ist. In eingebetteten Erzählungen (sekundäre Ebene etc.) wird der ontologische Status des jeweiligen Binnenerzählers in Relation zu seiner Erzählung annotiert.

  • Tag homodiegetisch: Eine Erzählinstanz ist genau dann homodiegetisch, wenn sie Teil der erzählten Welt ist. Dabei ist unwichtig, welche Rolle sie in der erzählten Geschichte spielt.
    • Länge der annotierten Passage: i. d. R. mehrere Absätze (entspricht Länge der Erzählebenen)
    • Indikatoren: Verwendung von Pronomen in erster Person (Singular)
    • Beispiel: „Da bin ich nun den ganzen Nachmittag in den Straßen herumspaziert, [...]” (A. Schnitzler: Blumen).
  • Tag heterodiegetisch: Eine Erzählinstanz ist genau dann heterodiegetisch, wenn sie nicht Teil der erzählten Welt ist.
    • Länge der annotieren Passage: i. d. R. mehrere Absätze (entspricht Länge der Erzählebenen)
    • Indikatoren: keine Verwendung von Pronomen in erster Person (Singular)
    • Beispiel: „Mitschüler erzählten als Witz, seine Mutter sei Leichenbändigerin und seine Großmutter Löwenfrau gewesen. [...]” (J. Ringelnatz: Nervosipopel)

5.2 Modus

Modus: Mit diesen discours-Kategorien wird die Perspektive analysiert, aus der die Ereignisse einer Geschichte präsentiert werden.

Distanz/Redewiedergabe: Die hier versammelten Tags dienen der Kategorisierung der Art und Weise, wie Figurenrede wiedergegeben wird. Mit diesen Formen der Redewiedergabe gehen zugleich verschiedene Grade der Mittelbarkeit der Darstellung einher. Die Analyse von Redewiedergabe kann auf der Annotation der Erzählebenen aufbauen, indem erstere auf alle als illokutionäre Grenzüberschreitungen ausgezeichneten Passagen angewandt wird.

  • Tag geringe Distanz/zitierte Rede: Mit diesem Tag werden alle Passagen ausgezeichnet, in denen Figurenrede wörtlich wiedergegeben wird.
    • Länge der annotierten Passage: i. d. R. Sätze oder Absätze (entspricht Länge der Erzählebenen)
    • Indikatoren: Anführungszeichen, Pronomen in erster Person
    • Beispiel: „,Ihr betrachtet da mein Instrument’, sagte Albert” (L. Tieck: Der Pokal)
  • Tag mittlere Distanz/transponierte Rede: Dieser Tag wird für Passagen verwendet, in denen Figurenrede in indirekter Rede wiedergegeben wird.
    • Länge der annotieren Passage: i. d. R. Sätze oder Absätze (entspricht Länge der Erzählebenen)
    • Indikatoren: Konjunktiv, weitgehende Beibehaltung figuraler Ausdrucksweise mit Ausnahme von Personalpronomen und indexikalischen Ausdrücken
    • Beispiel: „Er hätte jetzt überhaupt viel in der Stadt zu thun, sagte sie [...]” (J. Proelß: Lili)
  • Tag hohe Distanz/erzählte Rede: Mit diesem Tag werden Passagen versehen, in denen figurale Äußerungen (stark) zusammengefasst werden.
    • Länge der annotieren Passage: i. d. R. Teilsätze ode Sätze (entspricht Länge der Erzählebenen)
    • Indikatoren: Konjunktiv, Abweichung von figuraler Ausdrucksweise, (starke) Verkürzung
    • Beispiel: „Herr Bulverin, so hieß der Drogist, wußte nur Gutes an die alten Daddeldus zu berichten.” (J. Ringelnatz: Nervosipopel)

Fokalisierung: Mithilfe dieser Tags wird festgehalten, an wessen Wahrnehmung bzw. Wissen sich die Darstellung in einer bestimmten Textpassage orientiert.

  • Tag Nullfokalisierung: Eine Passage gilt genau dann als nullfokalisiert, wenn keine Einschränkung der Wahrnehmung bzw. des Wissens erkennbar ist, d. h. wenn eine allwissende Erzählinstanz anzunehmen ist. Die Erzählinstanz weiß also mehr als eine Figur (bzw. als alle Figuren zusammen).
    • Länge der annotierten Passage: i. d. R. Sätze oder Absätze
    • Indikatoren: Erzählen von Ereignissen, von denen keine der Figuren weiß
    • Beispiel: „[...] Allen war die unerwartete Erscheinung des Fürsten Isidor ein unerklärliches Rätsel, denn niemand wußte, daß Fürst Isidor, durch das Alter, überdem aber noch durch falsches Haar, durch Schminke entstellt und auf diese Weise unerkannt, im Lande hauste, daß er in den letzten Tagen in jenem verfallenen Schloß auf den Tod des Fürsten lauerte. [...]” (E. T. A. Hoffmann: Die Doppeltgänger)
  • Tag interne Fokalisierung: Eine Passage ist intern fokalisiert, wenn sie sich an der Wahrnehmung bzw. dem Wissen einer Figur orientiert – d. h. die Erzählinstanz weiß so viel wie eine Figur.
    • Länge der annotierten Passage: i. d. R. Sätze oder Absätze
    • Indikatoren: Verben der Wahrnehmung, die sich auf eine Figur als Subjekt beschränken
    • Beispiel: „Da sah er die ganze Herrlichkeit Gottes um sich gebreitet.  All die wunderbaren in goldenem Violett schimmernden Berge, die Seen mit ihrem halbversteckten Flimmer [...]” (M. Janitschek: Poverino)
  • Tag externe Fokalisierung: Eine externe Fokalisierung liegt vor, wenn sich die Erzählung auf die unkommentierte Darstellung äußerer Geschehnisse beschränkt. Die Erzählinstanz weiß also weniger als eine Figur.
    • Länge der annotierten Passage: i. d. R. Sätze oder Absätze
    • Indikatoren: keine Verben der Wahrnehmung
    • Beispiel: „Vom großen Dom erscholl das vormittägige Geläute. Über den weiten Platz wandelten in verschiedenen Richtungen Männer und Weiber, Wagen fuhren vorüber und Priester gingen nach ihren Kirchen. [...]” (L. Tieck: Der Pokal)

5.3 Zeit

Zeit: Diese discours-Kategorien dienen der Analyse des temporalen Verhältnisses zwischen den erzählten Ereignissen und ihrer Präsentation in der Erzählung.

Ordnung: Unter der zeitlichen Ordnung wird die Reihenfolge der Präsentation der Ereignisse im Verhältnis zur tatsächlichen Reihenfolge der Ereignisse in der erzählten Welt verstanden. (Ontologisch verschiedene Erzählebenen können zueinander nicht im Rahmen von Ordnungsanalysen in Beziehung gesetzt werden.) Ein häufiger Fall  ist hierbei die chronologische Darstellung, bei der die Reihenfolge der Präsentation der Reihenfolge der Ereignisse entspricht. Passagen, in denen in die chronologische Erzählung zeitliche Vor- oder Rückgriffe eingeschoben werden, werden anachronisch genannt und als Abweichungen im Text annotiert. Hierbei werden die folgenden zwei Fälle unterschieden:

  • Tag Analepse: Eine Passage, durch die eine chronologische Erzählung unterbrochen wird, um von früheren Ereignisse zu berichten, wird Analepse genannt.
    • Länge der annotierten Passage: i. d. R. Teilsätze, Sätze oder Absätze
    • Indikatoren: Tempus, das Vorzeitigkeit ausdrückt (z. B. Plusquamperfekt); charakteristische Zeitausdrücke (z. B. „früher”, „vor einiger Zeit”, „drei Jahre zuvor”)
    • Beispiel: „Jetzt sah man, was geschehen war: der Hansjörg hatte sich am mittleren Gelenk den Zeigefinger der rechten Hand abgeschossen.“ (B. Auerbach: Die Kriegspfeife)
  • Tag Prolepse: Eine Passage, durch die eine chronologische Erzählung unterbrochen wird, um Ereignisse vorwegzunehmen, die in der Zukunft stattfinden, wird Prolepse genannt.
    • Länge der annotierten Passage: i. d. R. Teilsätze, Sätze oder Absätze
    • Indikatoren: Tempus, das Zukunft ausdrückt (z. B. Futur); charakteristische Zeitausdrücke (z. B. „später”, „nach ein paar Wochen”)
    • Beispiel: „Gleich beim ersten Anblick des Hundes war er von der Zuneigung ergriffen worden, die dauern sollte bis zu seinem letzten Atemzuge.“ (M. von Ebner-Eschenbach: Krambambuli)

Dauer: Diese Kategorien dienen der Analyse des Erzähltempos, d. h. des Verhältnisses zwischen der Zeitspanne, in der die erzählten Ereignisse in der erzählten Welt stattgefunden hat, und der Zeitspanne, die das Erzählen davon  dauert. (Im Falle von Erzählebenen, die durch illokutionäre Grenzüberschreitung zustande kommen, sollte im Rahmen von Dauer-Analysen zunächst nur die Dauer der Wiedergabe des figuralen Sprechakts annotiert werden.) In der Regel ist nach einer gründlichen Dauer-Analyse jede Textstelle mit einem Dauer-Tag annotiert.

  • Tag zeitraffend: Wenn Ereignisse zusammengefasst werden, die erzählte Zeit also länger ist als die Erzählzeit, dann wird dies als zeitdeckendes Erzählen bezeichnet.
    • Länge der annotierten Passage: i. d. R. Sätze oder Absätze
    • Indikatoren: Zeitausdrücke, die längere Zeitspannen zusammenfassen (z. B. „ein Jahr lang“)
    • Beispiel: „Acht Wochen habe ich in dieser Entlegenheit verlebt“ (G. Trakl: Traumland. Eine Episode)
  • Tag zeitdeckend: Zeitdeckendes Erzählen liegt vor, wenn die Erzählung von Ereignissen genau so lange dauert wie die Ereignisse selbst.
    • Länge der annotierten Passage: i. d. R. Sätze oder Absätze
    • Indikatoren: zitierte Rede
    • Beispiel: „,Drei! Nicht wahr?’ ,Ja! Erst!!’ ,Schön! . . . Ist noch Bier da?’ ‘Ja! Ich glaube.’” (A. Holz und J. Schlaf: Ein Tod)
  • Tag zeitdehnend: Zeitdehnend ist Erzählen dann, wenn die Erzählzeit länger ist als die Ereignisse, von denen berichtet wird.
    • Länge der annotierten Passage: i. d. R. Sätze oder Absätze
    • Indikatoren: deskriptive Einschübe
    • Beispiel: „Ich trat an das Fenster und bemerkte – obgleich wir uns im zweiten Stockwerk befanden – dicht vor den Scheiben ein gewaltiges, störriges und sträubiges Roß, das mit flatternder Mähne in der Luft zu schweben schien.“ (J. von Eichendorff: Auch ich war in Arkadien)

Frequenz: Diese Kategorien dienen der Analyse des Verhältnisses der Häufigkeit, mit der Ereignisse in der fiktiven Welt stattgefunden haben, zu der Häufigkeit, mit der von ihnen erzählt wird. Der häufige Fall, dass ein Ereignis so oft erzählt wird, wie es stattfindet, wird nicht annotiert.

  • repetitiv: Repetitives Erzählen liegt vor, wenn von einem Ereignis, das einmal stattfand, mehrmals berichtet wird.
    • Länge der annotierten Passage: i. d. R. Sätze oder Absätze
    • Beispiel: „,Ich halte Sie nämlich für einen Philosophen [. . . ]’”; „Doktor Gudehus hält mich für einen Philosophen [. . . ]“ (T. Mann: Der Tod)
  • iterativ: Wenn ein Ereignis (bzw. Ereignisse eines Ereignistyps) mehrmals stattfand, aber nur einmal davon erzählt wird, spricht man von iterativem Erzählen.
    • Länge der annotierten Passage: i. d. R. Sätze oder Absätze
    • Indikatoren: charakteristische Zeitausdrücke (z. B. „jeden Morgen”, „immer wieder”)
    • Beispiel: „Oftmals, wenn meine Gedanken sich wie graue Gewässer vor mir ausbreiten [...] sehe ich etwas wie den Zusammenhang der Dinge [...]” (T. Mann: Der Tod)

6. Nachweise

  • Bögel, Thomas, Michael Gertz, Evelyn Gius, Janina Jacke, Jan Christoph Meister, Marco Petris und Jannik Strötgen (2015): „Collaborative Text Annotation Meets Machine Learning. heureCLÉA, a Digital Heuristic of Narrative”. In: DHCommons 1.
  • Brunner, Annelen (2015): Automatische Erkennung von Redewiedergabe: ein Beitrag zur quantitativen Narratologie. Berlin und Boston: de Gruyter.
  • Genette, Gérard (2007 [1972]): Discours du récit. Paris: Éd. du Seuil.
  • Gius, Evelyn (2015): Erzählen über Konflikte: ein Beitrag zur digitalen Narratologie. Berlin, Boston: de Gruyter.
  • Gius, Evelyn und Janina Jacke (2016): Zur Annotation narratologischer Kategorien der Zeit. Hinweise zur Nutzung des CATMA-Tagsets. http://heureclea.de/guidelines [Zugriff: 15. Januar 2020].
  • Herman, David (Hrsg. 1999): Narratologies: new perspectives on narrative analysis. Columbus, Ohio: Ohio State University Press.
  • Kindt, Tom und Hans-Harald Müller (2003): „Wieviel Interpretation enthalten Beschreibungen? Überlegungen zu einer umstrittenen Unterscheidung am Beispiel der Narratologie”. In: Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matías Martínez und Simone Winko (Hrsg.): Regeln der Bedeutung. Zur Theorie der Bedeutung literarischer Texte. Berlin,New York: de Gruyter, 286–304.
  • Kuhn, Markus (2011): Filmnarratologie: ein erzähltheoretisches Analysemodell. Berlin, New York: de Gruyter.
  • Mani, Inderjeet (2013): „Computational Narratology”. In: Peter Hühn, Jan Christoph Meister, John Pier und Wolf Schmid (Hrsg.): the living handbook of narratology. Hamburg: Hamburg University. http://www.lhn.uni-hamburg.de/article/computational-narratology [Zugriff: 15. Januar 2020].
  • Meister, Jan Christoph (2014): „Narratology”. In: Peter Hühn, Jan Christoph Meister, John Pier und Wolf Schmid (Hrsg.): the living handbook of narratology. Hamburg: Hamburg University. https://www.lhn.uni-hamburg.de/node/48.html [Zugriff: 15. Januar 2020].
  • Modrow, Lena (2016): Wie Songs erzählen. Eine computergestützte, intermediale Analyse. Frankfurt a. M. [u. a.]: Peter Lang.
  • Ryan, Marie-Laure (1991): Possible worlds, artificial intelligence, and narrative theory. Bloomington, Ind. [u. a.]: Indiana University Press.
  • Thon, Jan-Noël (2016): Transmedial narratology and contemporary media culture. Lincoln, London: University of Nebraska Press.
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