Poemage

Poemage – visuell unterstützte Exploration klanglicher Strukturen von Gedichten
Der Workflow von Poemage: TXT-Datei eines englischen Gedichts dem „Poems”-Ordner hinzufügen, im dreiteiligen Poemage-Interface auswählen und die verschiedenen Kategorien der Klangstrukturen visuell explorieren; zur Dokumentation ausgewählter Ansichten erstellen Sie Screenshots

Systemanforderungen: Das Tool erfordert Java, ist desktopbasiert (Mac und Windows) und offline nutzbar
Stand der Entwicklung: Start der Entwicklung 2012; an einer webbasierten Version wird aktuell noch gearbeitet
Herausgeber: University of Utah: Nina McCurdy, Julie Gonnering Lein, Katharine Coles, Miriah Meyer
Lizenz: kostenfrei (open source)
Weblink: http://poemage.org
Im- und Export: Gedichte können im Reintextformat (TXT) dem Ordner Poems hinzugefügt werden und sind dann im Tool auswählbar

1. Für welche Fragestellungen kann Poemage eingesetzt werden?

Mit Poemage lassen sich klangliche Strukturen von englischsprachigen Gedichten mit visueller Unterstützung untersuchen. Anders als der Rhytmicalizer, der die Audiodateien der Gedichte von → Lyrikline untersucht, funktioniert die phonetische Analyse bei Poemage auf Basis textsprachlicher Informationen und kann damit auf jedes Gedicht angewendet werden – bislang jedoch nur in englischer Sprache. Durch die visuelle Exploration klanglicher Strukturen können Fragen nach phonetischen Mustern und Zusammenhängen z. B. von Rhythmen, Assonanzen und Alliterationen etc. in Gedichten im Zuge eines Close Readings entdeckt und untersucht werden. Poemage unterstützt visuell Prozesse der Exploration und Hypothesenbildung und ist nicht darauf ausgelegt, Visualisierungen zu produzieren, die das festgeschriebene Ergebnis eines Forschungsprozesses darstellen.

2. Welche Funktionalitäten bietet Poemage und wie zuverlässig ist das Tool?

Funktionen (Auswahl):

  • Auswahl phonetischer Elemente (sonic rhymes) wie Alliterationen, gleich klingender Silben etc. und buchstabenbasierter Übereinstimmungen (visual rhymes) wie N-Gramms oder Anagramme im linken Set View
  • Anzeige und Hervorhebung (durch Hovern) von über das gesamte Gedicht verteilten sonic rhymes und visual rhymes im mittleren Poem View
  • Anzeige von Verbindungspfaden zwischen gleichen phonetischen und buchstabenbasierten Zusammenhängen im Path View
  • Darstellung sämtlicher phonetischer und buchstabenbasierter Elemente und Verbindungen durch die Funktion beautiful mess

Zuverlässigkeit: Poemage ist ein einfach zu installierendes Programm, das lokal auf Ihrem Rechner läuft (eine webbasierte Anwendung soll demnächst erscheinen). Das Hinzufügen von Gedichten im TXT-Format ist simpel und funktioniert einwandfrei. Die drei Views des Interfaces beziehen sich funktional aufeinander, d. h. eine Aktion bspw. im Set View verändert die Anzeigen in den beiden anderen Panels und auch das Hovern etwa im Poem View (bei aktivierter hover word-Funktion) verändert die Anzeigen im ersten und dritten Panel. Das Tool basiert auf einem bereits dem Tool RhymeDesign (vgl. McCurdy, Srikumar und Meyer 2015) zugrunde liegenden System zur automatischen Erkennung klanglicher Strukturen jenseits konventionalisierter Endreime.

3. Ist Poemage für DH-Einsteiger*innen geeignet?

Checkliste √ / teilweise / –
Methodische Nähe zur traditionellen Literaturwissenschaft teilweise
Grafische Benutzeroberfläche
Intuitive Bedienbarkeit
Leichter Einstieg
Handbuch vorhanden
Handbuch aktuell
Tutorials vorhanden teilweise
Erklärung von Fachbegriffen
Gibt es eine gute Nutzerbetreuung?

Methodisch geht Poemage auf die Regeln der freien Versanalyse zurück, erweitert diese jedoch nicht unerheblich durch automatische Funktionen und die Herstellung von Überblicksdarstellungen auf Knopfdruck. Das GUI von Poemage wurde in einer Kooperation von Lyrikexpert*innen und Designer*innen entwickelt und ist damit nicht nur sehr übersichtlich gestaltet und intuitiv bedienbar, sondern orientiert sich an den Wünschen von Literaturwissenschaftler*innen. Ein kurzes und prägnant formuliertes README (das beim Download als Datei enthalten ist) enthält Tipps zur etwaigen Fehlerbehebung, Anleitungen zum Dateiupload und Beschreibungen der einzelnen Panels und Funktionsbereiche des Interfaces. Ein auf der Webseite von Poemage eingebettetes Video eines Vortrags kann als Einstieg und Tutorialersatz angesehen werden. Die einzelnen, oft nicht intuitiv verständlichen Fachbegriffe, insbesondere im Set View, werden im Interface allerdings nicht erläutert. Eine Beschreibung der einzelnen Funktionen mit Beispielen findet sich jedoch in McCurdy et al. (2016, 443).

4. Wie etabliert ist Poemage in den (Literatur-)Wissenschaften?

Poemage wird bislang vor allem innerhalb der Visualisierungs-Community besprochen (s. weiterführende Literatur unten), sodass der Eindruck entstehen könnte, es sei vor allem hinsichtlich der zum Einsatz kommenden Visualisierungsstrategien interessant. Der literaturwissenschaftliche Mehrwert ist bislang zumindest in Publikationsform nicht nachgewiesen. Ein Grund dafür könnte sein, dass mit dem Tool vor allem Prozesse der Exploration und Hypothesenbildung unterstützt werden. Eine literaturwissenschaftlich orientierte Reflexion des Systems wäre wünschenswert, steht derzeit aber noch aus.

5. Unterstützt Poemage kollaboratives Arbeiten?

Nein, die Desktopapplikation ist für die Einzelarbeit ausgerichtet.

6. Sind meine Daten bei Poemage sicher?

Ja. Es müssen keine personenbezogenen Daten angegeben werden. Nach Download des Tools kann man es direkt öffnen und anwenden. Ebenso müssen Sie Ihre Texte nur dem toolinternen Ordner „Poems” hinzufügen, um sie in Poemage nutzen zu können. Ein Upload findet demnach nicht statt, sodass Sie auch urheberrechtlich geschützte Daten bearbeiten können.

7. Nachweise und weiterführende Literatur

  • Coles, Katharine (2014): „Slippage, Spillage, Pillage, Bliss: Close Reading, Uncertainty, and Machines”. In: Western Humanities Review 68, 57–83. http://www.sci.utah.edu/~nmccurdy/Poemage/images/20150224154447411.pdf [Zugriff: 18. September 2019].
  • Lein, Julie (2014): „Sounding the Surfaces: Computers, Context, and Poetic Consequence”. Western Humanities Review 68, 84–109. http://www.sci.utah.edu/~nmccurdy/Poemage/images/20150224154622013.pdf [Zugriff: 18. September 2019].
  • Lein, Julie, Nina McCurdy und Amanda Hurtado (2018): „Deep in Poetry: Visualizing Texts’ Sonic Depths in 3D”. In: Leonardo: International Journal of Contemporary Visual Artists 51 (1): 80–82. DOI: 10.1162/LEON_a_01415.
  • McCurdy, Nina, Julie Lein, Katharine Coles und Miriah Meyer (2016): „Poemage: Visualizing the Sonic Topology of a Poem”. In: IEEE Transactions on Visualization and Computer Graphics 22 (1), 439–448. DOI: 10.1109/TVCG.2015.2467811.
  • McCurdy, Nina, Vivek Srikumar und Miriah Meyer (2015): „Rhymedesign: A Tool for Analyzing Sonic Devices in Poetry”. In: Proceedings of Computational Linguistics for Literature 4, 12–22. https://www.aclweb.org/anthology/W15-0702 [Zugriff: 18. September 2019].