Emotionsanalyse

1. Kurzbeschreibung

Das Tagset Emotionsanalyse ist für die Analyse emotionstragender Textelemente in literarischen Texten geeignet. Es enthält grundlegende Kategorien für die Untersuchung von durch literarische Figuren zum Ausdruck gebrachten Emotionstypen und basiert auf strukturorientierten Ansätzen der Emotionsforschung. Das Tagset beinhaltet Kategorien, die einen Einstieg in die Emotionsanalyse ermöglichen.

2. Anwendungsbeispiel

Angenommen, Sie möchten in Friedrich Schillers Der Geisterseher (Aus den Memoiren des Grafen von O**) (1787–89) eine Studie zur Untersuchung der Frage durchführen, ob und auf welche Art und Weise literarische Figuren durch den Ausdruck von Emotionen ihre Umwelt, andere Figuren oder Sachverhalte bewerten und ob diesbezüglich von einer genderstereotypen Form der Bewertung die Rede sein kann. Welche positiven und negativen Emotionen bestimmen die erzählte Welt und lassen sich unterschiedliche geschlechtsspezifische Emotionsprofile ableiten?

Hierfür können Sie die im Tagset Emotionsanalyse zur Verfügung gestellten Kategorien zur literaturwissenschaftlichen Emotionsanalyse verwenden und darauf aufbauend unterschiedliche Formen von Emotionsmanifestationen in Ihrem Text oder Textkorpus → manuell annotieren. Da die Kommunikation in literarischen Texten ein emotional sehr intensives Geschehen darstellt (vgl. Anz 2007), ist eine hohe Anzahl an Annotationen zu erwarten, die Sie in einem nächsten Schritt bspw. mithilfe von Queries oder geeigneter → Visualisierungen ordnen und untersuchen können. Bei der Query-gestützten Auswertung der Annotationsdaten schauen Sie im Sinne eines Scalable-Reading-Prozesses also wieder aus der Distanz auf Ihren Text sowie die Verteilung der Emotionstypen und können stichhaltige Aussagen über weibliche und männliche Emotionsmodelle ableiten.

3. Literaturwissenschaftlicher Kontext

Emotionen und Dichtung werden seit der Antike als zusammenhängende Komplexe betrachtet; philosophische Emotionstheorien existieren seit dem 17. Jhd. (vgl. Zumbusch und Koppenfels 2016). Seit dem sog. emotional turn in den 1990er Jahren flammt in humanwissenschaftlichen Disziplinen ein neues Interesse an der Emotionsforschung auf.

Literaturwissenschaftliche Emotionsanalysen

Emotionen stellen bei sämtlichen Formen der Auseinandersetzung mit Literatur einen wichtigen Faktor dar. Um herauszufinden, welche Rolle Emotionen in der Trias aus Texproduktion (Autor*in), Textprodukt (Werk) und Textrezeption (Publikum) spielt, werden linguistische sowie literaturwissenschaftliche Erhebungen (auch in Kombination miteinander) durchgeführt. Im Kern lassen sich mit produktions-, rezeptions-, text- und kontextbezogenen Ansätzen vier Ausrichtungen der literaturwissenschaftlichen Emotionsforschung unterscheiden (vgl. Winko 2003).1
Textnahe textanalytische Emotionsanalysen, die die Art und Weise der Gestaltung einzelner Emotionstypen in ausgewählten Werken untersuchen, betrachten Emotionen als textuelle Phänomene, wobei der Fokus v. a. auf negativen Emotionen zu liegen scheint.2 In die Kategorie textzentrierter Emotionsanaysen gehören auch die drei folgenden Herangehensweisen. (1) Offener gestaltete Ansätze dieser Kategorie gehen weniger von der Emotion und verstärkt vom Einzeltext aus, indem im Rahmen emotionsbezogener Textanalysen gattungs- oder werkspezifische Emotionstypen ermittelt werden.3 Einen maßgeblichen Beitrag zur literaturwissenschaftlichen Emotionsforschung in Form einer größer angelegten Studie, in denen emotionale Komponenten mehrerer Texte und Gattungen analysiert und verglichen werden, liefert Simone Winko (Winko 2003: Kodierte Gefühle). (2) Literaturlinguistische Ansätze, die anhand linguistischer Modelle das Zusammenspiel von Sprache und Emotionen in literarischen Texten untersuchen, finden sich z. B. bei Kalwas 2015.4 Von überzeitlicher Relevanz ist die Einführung der Linguistin Monika Schwarz-Friesels, in der auch das Emotionspotenzial literarischer Texte behandelt und nach der Spezifik literarischer Emotionen gefragt wird. (3) Primär linguistisch ausgerichtete Arbeiten, in denen anhand sprachwissenschaftlicher Konzepte Emotionen auf unterschiedlichen Ebenen der Sprache lokalisiert und analysiert werden (bspw. Bestimmung des Sprechhandlungstypen), finden sich ebenfalls verstärkt seit den 1990er Jahren. Für die sprachwissenschaftliche Erfassung von Emotionen werden korpuslinguisitische Methoden oder auf die Analyse der Tiefensemantik abzielende textanalytisch-qualitative Methoden eingesetzt.5
Rezeptionsbezogene Ansätze betrachten Emotionen als Rezeptionsphänomene und untersuchen bspw. das durch die Lektüre evozierte emotionale Empfinden der Rezipienten.6 Produktionsbezogene Ansätze analysieren den Einfluss von Textproduzent*innen auf den emotionalen Gehalt literarischer Texte und kontextbezogene Ansätze untersuchen v. a. die Historizität von Emotionen.7 Ein digitales Pendant der Emotionsanalyse findet sich in der → Sentimentanalyse. Unter dieser Perspektive werden emotionstragende Textelemente in literarischen Texten durch Methoden, die auf Formen des maschinellen Lernens zurückgreifen (textnah), oder im Rahmen lexikabasierter Sentimentanalysen (textfern) untersucht. Durch die computergestützten Verfahren, die hierbei zum Einsatz kommen, lassen sich größere Textmengen analysieren. Auf diese Weise wird der steigenden Anzahl von Retrodigitalisaten Rechnung getragen und eine bisher eher auf Einzelfallstudien basierende Literaturgeschichtsschreibung durch neue Perspektiven ergänzt. 

Im Folgenden sei ein weiterer Ansatz genauer vorgestellt, in dessen Kontext das hier vorgestellte Tagset zu verorten ist: die textnahe textanalytische Emotionsanalyse. Dieser Ansatz zielt darauf ab, durch eine werkimmanente, textanalytische Herangehensweise unterschiedliche Emotionstypen sowie deren Ausdrucks- und Darstellungsweisen in Erzähltexten ausfindig zu machen. Das Tagset gehört in die erste Kategorie der textzentrierten Forschungsansätze. Da Emotionen stets an ein Subjekt gebunden sind, stellt v. a. die Kommunikation der Figuren eines der zentralen Bestandteile literarischer Emotionalisierungstechniken dar (Anz 2007: 219). Da folglich davon auszugehen ist, dass v. a. das semantische Umfeld von Figurenerwähnungen sowie die Figurenrede und an Figuren gebundene Textelemente emotionstragende Bestandteile enthalten, werden literarische Figuren als Einfallstor der Emotionsanalyse genutzt; Konzeption des Tagsets sowie die Beschreibungs- und Analysekategorien greifen auf einen theoretischen Rahmen zurück, der die Analyse von Emotionstypen im Zusammenhang mit literarischen Figuren fokussiert. Für die Emotionsanalyse wird das Verfahren der → manuellen digitalen Annotation verwendet und im Rahmen des emotionsbezogenen Annotationsprozesses somit auf einen klassischen Close-Reading-Ansatz zurückgegriffen. Das Tagset setzt die strukturierte Textarbeit an erste Stelle der Auseinandersetzung mit Emotionstypen im Text. Darauf aufbauend können plausible sowie nachweisbare Thesen über Emotionen in literarischen Texten und bspw. text-, gattungs-, oder autor*innenspezifische Emotionsmodelle formuliert und eine tiefergehende Typologisierung der identifizierten Emotionsinformationen durchgeführt werden. Eine Abgrenzung bzw. detaillierte Definition der mal synonym, mal getrennt betrachteten Begrifflichkeiten Emotion, Gefühl, Stimmung und Affekt wird hier nicht vorgenommen.

Emotionstypologien als Grundlagen zur textzentrierten Emotionsalyse

Hierbei werden Emotionen als Phänomen, dem das Interesse dieses Tagsets gilt, verstanden als: „[...] mehrdimensionale, intern repräsentierte und subjektiv erfahrbare Syndromkategorien, die sich vom Individuum ichbezogen und introspektiv-geistig sowie körperlich registrieren lassen, deren Erfahrungswerte an eine positive oder negative Bewertung gekoppelt sind und die für andere in wahrnehmbaren Ausdrucksvarianten realisiert werden (können)” (vgl. Schwarz-Friesel 2007: 55).

Ferner basiert das Tagset auf strukturorientierten Klassifizierungen von Emotionen. Im Kern lassen sich zwei Arten der Einteilung von Emotionen unterscheiden: strukturorientierte und funktionsorientierte Typologien. Die funktionsorientierten Ansätze unterscheiden Emotionen hinsichtlich gemeinsamer Bezugs- und Referenzgrößen (z. B. in zielgerichtete, nicht zielgerichtete, körper- oder lustbezogene Emotionen; das Tagset ließe sich um diese Kategorien erweitern). Strukturorientierte Klassifizierungen beschreiben Emotionen als pränatal genetisch im menschlichen Organismus verankerte und kulturunabhängige physische Erregungen, die auf Schaltkreisen im limbischen System beruhen. Ein bestimmtes Set an Emotionen ist deshalb bei allen Menschen neuronal in den Strukturen des Gehirns verankert (Damasio 1997, 2004). Den wohl bekanntesten, kontrovers diskutierten und in diversen späteren Ansätzen aufgegriffen sowie weiterentwickelten Ansatz stellt Paul Ekmans Modell der sieben Basisemotionen Glück, Zorn, Trauer, Furcht, Ekel, Überraschung und Verachtung dar (Ekman [1972] 1988). Bereits der Psychologe Ekman steht mit seiner Theorie der kulturunabhängigen Basisemotionen in der langen Tradition einer ganzen Reihe von Typisierungsversuchen. Aristoteles definiert 15 Basisemotionen (darunter Begierde, Zorn, Furcht, Mut, Neid, Freude, Freundschaft, Hass, Sehnsucht, Eifer und Mitleid). Descartes spricht von sechs Basisemotionen (Liebe, Hass, Begehren, Freude, Traurigkeit und Bewunderung), Hume von nur zwei Emotionen bzw. Affekten (Vergnügen/Missvergnügen), Spinoza von drei (Begierde, Freude, Hass), Hobbes verweist auf sieben Grundemotionen (Verlangen/Lust, Begehren, Liebe, Abneigung, Hass, Freude und Kummer) (vgl. Süselbeck 2019) und Charles Darwin benennt mit Ärger, Freude, Wut, Grauen, Angst, Schmerz und Liebe ebenfalls eine Reihe von Basisemotionen.8 Das Tagset eignet sich primär, um grundlegende Emotionstypen zu bestimmen, die in einem Text vorkommen. Dieser Ansatz basiert u. a. auf dem linguistischen Standardwerk über Emotionen und Sprache (vgl. Schwarz-Friesel 2007), aus dem zentrale Beschreibungskategorien übernommen und unter Einbezug unterschiedlicher strukturorientierter Emotionstypologien auf die Analyse von Erzähltexten abgestimmt wurden.9

4. Tagset

Das Tagset Emotionsanalyse kann hier als XML-Datei heruntergeladen werden, in geeignete Tools (beispielsweise → CATMA) importiert und dort verwendet werden. Abbildung 1 zeigt die im Tagset enthaltenen Tags in ihrer hierarchischen Struktur sowie die #Properties und Values.
 

Tagset Emotionsanalyse Teil 1
Abb. 1: Erster Teil des Tagsets zur Emotionsanalyse mit Subtags, Properties und Values
Tagset Emotionsanalye Teil 2
Abb. 2: Tagset zur Emotionsanalyse (Teil zwei)
Tagset Emotionsanalyse Teil 3
Abb. 3: Tagset zur Emotionsanalyse (Teil drei)
Tagset Emotionsanalyse Teil 4
Abb. 4: Tagset zur Emotionsanalyse (Teil vier)
Tagset Emotionsanalyse Teil 5
Abb. 5: Tagset zur Emotionsanalyse (Teil fünf)

5. Richtlinien zur Anwendung

Im Folgenden werden die einzelnen Kategorien definiert – für speziell zur Annotation vorgesehene Tags werden darüber hinaus Hinweise zur Länge der annotierten Passage und zu textuellen Indikatoren angegeben sowie einige Beispiele.
Um möglichst diverse emotionstragende Textstrukturen abbilden zu können, basiert die Emotionsanalyse auf einem dreiteiligen Tagset (s. Abb. 6). Das gesamte Tagset „Emotionsanalyse” lässt sich in drei Ebenen einteilen, die jeweils einzelne Bestandteile der oben zitierten Definition aufgreifen. Auf der Makroebene dient das Tagset der Beschreibung der Art der Emotion (Identifikation unterschiedlicher Varianten von Emotionen und Kategorisierung nach Emotionsfamilien). Auf der Mesoebene fokussiert es die Qualität der an Emotionen gekoppelten Bewertungen (positiv, negativ oder neutral) und weitere Parameter, die zur näheren Beschreibung der Emotionen herangezogen werden können (Dauer und Intensität). Darüber hinaus lässt sich das Tagset um eine Mikoebene erweitern, auf der Sie die Repräsentationsformen der identifizierten Emotionen (verbal, nonverbal oder körperlich) in den Blick nehmen können.

Ebenenmodell zur Emotionsanalyse
Abb. 6: Ebenenmodell zur Emotionsanalyse

Diese Richtlinien enthalten spezifische Anwendungshinweise nur für die Tags, die speziell für die Anwendung bei der Annotation vorgesehen sind. Im Falle der Tags für die Emotionsanalyse sind das ausschließlich die Tags sowie die dazugehörigen Properties und Values innerhalb der Emotionsfamilien. Annotiert wird also mit den Begriffen, die hier als Subtags bezeichnet werden.

5.1 Art der Emotion

Emotionen_ART: Die hier versammelten Kategorien dienen der Analyse der Emotionstypen. Sie zielen darauf ab, Textpassagen herauszufiltern, die eindeutig sowie nicht-eindeutig identifizierbare Emotionsmanifestationen enthalten. Die Grundlage bilden unterschiedliche strukturorientierte Emotionstheorien; darauf aufbauend wurden konzeptuelle Emotionsfamilien mit mehr oder weniger typischen Mitgliedern entworfen und in dieses Tagset übertragen. Die grobe Kategorisierung in Emotionsgruppen erfährt – im Sinne einer Konkordanzanalyse – durch die Zuteilung hyperonymer Emotionstypen eine feingranulare Erweiterung. Die Konzeption des Tagsets, das ein möglichst breites Spektrum emotionaler Zustände abdeckt, zielt darauf ab, bei der Analyse den unterschiedlichen Nuancen, in denen ein und dieselbe Basisemotion zutage treten kann, Raum zu geben. Die hier vorgeschlagene Taxonomie basiert auf dem Ansatz einer undogmatischen Emotionsanalyse, die keinen Emotionstypen in den Vordergrund der Analyse rückt, sondern von einem unendlichen Emotionspotenzial literarischer Texte ausgeht, das diverse Emotionsschemata hervorbringen kann.
Das Tagset Emotionen_Art beinhaltet folgenden Emotionstypen mit unterschiedlichen Untertypen (Subtags), anhand derer annotiert wird.

  • Tag EKEL mit den Subtags „Aversion”, „Widerwille”, „Verachtung” und „Abneigung”
    • Länge der annotierten Passage: i. d. R. ein Satz oder Teilsatz
    • Indikatoren: Explizites Benennen der Lexeme (Gefühlswörter) und sämtlicher Verben und Adjektive, die sich aus den Substantiven ableiten lassen (Gefühlswortschatz). Bei der figural zum Ausdruck gebrachten Emotion Ekel – einer der stärksten Affektreaktionen des menschlichen Wahrnehmungssystems – handelt es sich um ein heftiges Unlustgefühl, das auf Beimischungen von Lustgefühlen verzichtet (vgl. Menninghaus 1999. Er kommt häufig im Rahmen einer negativen Bewertung der Umwelt, anderer Figuren oder Sachverhalte, Schilderungen konfliktbeladener Situationen und Streitgesprächen zwischen zwei Figuren vor, in denen die Abscheu gegenüber einer anderen Person zum Ausdruck gebracht wird Mögliche Objekte der mit Ekel, Abscheu etc. verbundenen Wahrnehmungen können bspw. Speisen, Krankheiten, äußere Erscheinungsbilder oder olfaktorische Wahrnehmungen sein.
    • Beispiele:
      „Alle klatschten Beifall, wenn schon die Fräulein ein wenig die Nase rümpften” (durch das Rümpfen der Nase zum Ausdruck gebrachter EKEL in Form von Abneigung oder Verachtung in Heinrich Zschokkes Der tote Gast).
      „Aber es galt für unschicklich, viel von sich selbst zu sprechen, und die großen Confidenzen, die leidenschaftlichen Erörterungen gegen Freunde und Freundinnen sind mir stets als krankhafte Geschmacklosigkeiten vorgekommen” (EKEL in Form von Abneigung in Fanny Lewalds Die Tante).
  • Tag FREUDE/GLÜCK mit den Subtags „Seligkeit”, „Erheiterung”, „Entzücken”, „Witz”, „Vergnügen”, „Humor”, „Zufriedenheit”, „Euphorie”
    • Länge der annotierten Passagen: i. d. R. mehrere Wörter oder ein Satz
    • Indikatoren: Explizites Benennen der Lexeme (Gefühlswörter) und sämtlicher Verben und Adjektive, die sich aus den Substantiven ableiten lassen (Gefühlswortschatz); positive Bewertung der Umwelt, anderer Figuren oder Sachverhalte; heitere Handlungspassagen, in der Figuren ihr Frohsein über eine zeitgleich erlebte oder erinnerte angenehme Situation zum Ausdruck bringen.
    • Beispiele:
      Aha! rief er lachend und reichte mir über den Tisch die Hand: mein glücklicher Nebenbuhler, dem ich für sein Glück noch dankbar sein muß!” (FREUDE in Form von Erheiterung und LIEBE in Form von Zuneigung in Heinrich Zschokkes Der tote Gast).
      „Im Nu waren wir oben und am Fenster, denn die Fanfaren schmetterten ihre Freudentöne durch die Luft, daß mir die hellen Thränen aus den Augen stürzten” (Tränen der FREUDE in Form von Entzücken in Fanny Lewalds Die Tante).
  • Tag FURCHT/ANGST mit den Subtags „Grauen”, „Entsetzen”, „Panik”, „Schrecken”, „Bestürzung”, „Nervosität”, „Zaghaftigkeit”, „Gruseln” und „Besorgnis”
    • Länge der annotierten Passagen: i. d. R. ein Satz
    • Indikatoren: Explizites Benennen der Lexeme (Gefühlswörter) und sämtlicher Verben und Adjektive, die sich aus den Substantiven ableiten lassen (Gefühlswortschatz); negative Bewertung der Umwelt, anderer Figuren oder Sachverhalte. Mit Angst verbundene beklemmende Wahrnehmungen können aus Situationen resultieren, in denen eine Figur sich bedroht fühlt, oder durch den Anblick furchterregender Objekte, Sachverhalte sowie ausufernder Naturereignisse oder anderer menschlicher oder tierischer Wesen ausgelöst werden.
    • Beispiele:
      Ich hatte kaum die Ruhe, meinen Besuchen die nöthige Rede und Antwort zu geben. Ich ging vom Sopha zum Fenster, vom Fenster zur Thüre und wieder zurück” (ANGST in Form von Nervosität in Fanny Lewalds Die Tante).
      Ihre Hände suchten nach einem Halt und umschlangen ein daneben stehendes Birkenstämmchen, aber erschrocken riß sie die Hand zurück und die Augen wieder auf, als es unter der Berührung plötzlich nachgab und die zitternde Blätterkrone seufzend an die Erde gleiten ließ” (Schrecken in Julie Ludwigs Das Gericht im Walde).
  • Tag LIEBE mit den Subtags „Güte”, „Hingabe”, „Zuneigung”, „Anbetung”, „Vertrauen”, „Intimität” und „Sachliches Begehren”
    • Länge der annotierten Passagen: i. d. R. ein Satz oder mehrere Sätze
    • Indikatoren: Explizites Benennen der Lexeme (Gefühlswörter) und sämtlicher Verben und Adjektive, die sich aus den Substantiven ableiten lassen (Gefühlswortschatz); positive Bewertung der Umwelt oder Sachverhalte, v. a. aber anderer Figuren. Formen der starken Zuneigung, Anerkennung, Bewunderung oder Wertschätzung richten sich in den meisten Fällen auf andere Figuren, können sich in Form eines sachlichen Begehrens aber auch auf Objekte richten.
    • Beispiele:
      Sie schloß mich mit großer Zärtlichkeit an ihre Brust, küßte mich auch mehrmals und ich fühlte ihre warmen Thränen auf meiner Stirne” (LIEBE in Form von Intimität und Zuneigung in Fanny Lewalds Die Tante).
      Im rücksichtslosen Ungestüm der Leidenschaft fiel sie ihm weinend an die Brust und schlang die Arme um seinen Hals” (LIEBE in Form von Hingabe oder Zuneigung in Schmids Mohrenfranzl).
  • Tag TRAUER mit den Subtags „Niedergeschlagenheit”, „Trübsal”, „Verzweiflung”, „Melancholie”, „Leid”, „Einsamkeit” und „Kummer” 
    • Länge der annotierten Passagen: i. d. R. ein Satz
    • Indikatoren: Explizites Benennen der Lexeme (Gefühlswörter) und sämtlicher Verben und Adjektive, die sich aus den Substantiven ableiten lassen (Gefühlswortschatz); negative Bewertung der Umwelt, Sachverhalte oder dem Verhalten Anderer. Trauer wird i. d. R. durch den schwerwiegenden Verlust einer geliebten Person, einen ideellen Verlust, eine als hoffnungslos beurteilte Situation oder Erinnerungen an Verluste ausgelöst. 
    • Beispiele:
      „Auch Waldrich ward von seinem geheimen Schmerz übermannt” (TRAUER in Form von Verzweiflung über den Weggang der Geliebten in Heinrich Zschokkes Der tote Gast).
      Alles, was ich bisher im heitern Lichte der Sorglosigkeit betrachtet, erschien mir jetzt in düsterer Farbe” (TRAUER in Form von Trübsal in Fanny Lewalds Die Tante).
  • Tag ZORN mit den Subtags „Hass”, „Verärgerung”, „Wut”, „Empörung”, „Enttäuschung”, „Groll”, „Verbitterung”
    • Länge der annotierten Passagen: i. d. R. ein oder mehrere Sätze
    • Indikatoren: Explizites Benennen der Lexeme (Gefühlswörter) und sämtlicher Verben und Adjektive, die sich aus den Substantiven ableiten lassen (Gefühlswortschatz); negative Bewertung der Umwelt, Sachverhalte oder anderer Figuren; ein Gefühl von Widerstreben, Feindschaft oder Ablehnung. Nicht selten resultiert die Empfindung von Hass – als besonders starke Form des Zorns, dem die Tendenz der Vernichtung gegenüber dem Gehassten innewohnt – aus Erfahrungen der Ohnmacht und Missachtung (vgl. Brokoff und Jochum 2016).
    • Beispiele:
      Er warf ihr den von ihr empfangenen Ring vor die Füße und ging und kam nicht wieder” (ZORN in Form von Wut in Heinrich Zschokkes Der tote Gast).
      „Aber Bernhard grollte ihr, daß sie sein Kind dem Grafen, den er haßte, hingegeben” (ZORN in Form von Groll auf die Ehefrau und Hass auf den Kontrahenten in Louise von Galls Eine fromme Lüge).
  • Tag PROBLEMFÄLLE mit den Subtags „Hassliebe”, „Scham”, „Sadismus”, „Interesse”, „Mut”, „Aggression”, „Erstaunen”, „Eifersucht”, „Bedauern”, „Gefühlskälte”, „Gleichgültigkeit” und „Schadenfreude”.
    • Länge der annotierten Passagen: i. d. R. ein Satz oder mehrere Wörter. In dieser Kategorie befinden sich Emotionstypen, die sich nicht eindeutig einer der Emotionsfamilien zuordnen lassen. Es handelt sich um Mischformen (Hassliebe, Schadenfreude), die mehrere polare Gegensätze vereinen, oder um Emotionstypen, für die nicht eindeutig entschieden werden kann, ob sie eine eigene Emotionskategorie konstituieren oder sich doch einer der Emotionsfamilien zuordnen lassen. Weitere Typen fallen in diese Kategorie, da die Qualität der Emotion durch eine Verortung auf der Positiv-Negativ-Skala nicht eindeutig bestimmt werden kann (Gefühlskälte, Gleichgültigkeit). Zu den problematischen Emotionstypen, die besonders häufig vorkommen, zählt die Empfindung von Scham – eine „relationsbezogene, selbstreflexive Emotion, die das erlebende Subjekt auf die bewertende Wahrnehmung der eigenen Person durch bedeutsame andere ausrichtet” (vgl. Röttger-Rössler 2016: 230). Scham wird besonders durch physische Begleiterscheinungen wie Schwitzen, Erröten oder Herzklopfen sichtbar.
    • Beispiele:
      „Also auch das schon haben Sie erfahren? sagte der Herr von Hahn ganz betroffen, und über das bleiche, doch lebhafte Gesicht verbreitete sich eine Röthe, die dem Scharfblick des Bürgermeisters nicht entging” (schamhaftes Erröten als Form von Verlegenheit in Heinrich Zschokkes Der tote Gast).
      Und sie hob den Kopf nur um so höher und setzte ihre Füße um so fester auf, je näher sie die bekannten Schritte hinter sich vernahm” (mutiges Voranschreiten in Julie Ludwigs Das Gericht im Walde).
      „Der rege Handelsverkehr, der in Salonichi herrschte, das Gewühl am Hafen, die Pracht des Bazars, der nach dem Urtheil der Reisenden selbst den Bazar von Konstantinopel übertrifft, alles dies war schon geeignet, Stuarts Interesse in Anspruch zu nehmen” (Interesse oder Neugier in Kuglers Incantada).
  • Tag EMO_UNCATEGORIZED mit während der Annotation hinzugefügten Subtags: Sollte sich ein Textelement nicht ad hoc als Vertreter einer Emotionsfamilie identifizieren lassen, wird ein neuer Subtag erstellt und die entsprechende Annotation der Kategorie „EMO_UNCATEGORIZED” zugeordnet. Dieses Vorgehen – die stetige Erweiterung des Tagsets während des Annotationsprozesses – zielt darauf ab, Unsicherheiten und Zweifeln Raum zu geben, die bei der Annotation des per se subjektiven Untersuchungsgegenstands zu erwarten sind.
    • Länge der annotierten Passagen: i. d. R. ein Satz
    • Indikatoren: Sie sind davon überzeugt, dass in einer Textpassage eine emotionale Verhaltensweise vorliegt und Emotionsinformationen enthalten sind, können die Passage aber keiner der Emotionsfamilien zuordnen.
    • Beispiele:
      „Nein, sagte Bernhard kalt, keinen Tag gebe ich das Kind fort” (Gefühlskälte als Phänomen der Gleichgültigkeit in Louise von Galls Eine fromme Lüge).
      Athemlos flog sie nach dem Pachthofe, um den Knecht zu bitten, ein paar junge, feurige Ackerpferde, die ihr Mann erst kürzlich gekauft, einzuspannen und sie nach dem Schlosse zu fahren” (das einer bösen Vorahnung entstammende Gebot zur Eile der weiblichen Figur in Louise von Galls Eine fromme Lüge lässt sich hier noch nicht genau bestimmen, ließe sich bspw. als ANGSTreaktion (Besorgnis) klassifizieren.

5.2 Parameter zur Beschreibung der Emotion

Anhand der drei Parameter Wertigkeit, Intensität und Dauer lassen sich Emotionen näher beschreiben (vgl. Schwarz-Friesel 2007). Für jeden im Text klassifizierten Emotionstyp werden alle drei Parameter in Form von Properties und Values bestimmt. Die Längen beider annotierten Textpassagen sind deckungsgleich.

  • Property WERTIGKEIT mit den Values „positiv”, „negativ” und „neutral”: Menschen lokalisieren und evaluieren Emotionen polar auf einer Positiv-Negativ-Skala (vgl. Schwarz-Friesel 2007). Die beidseitige Präsenz von Emotionen in der Literatur und im Leben der Menschen führt dazu, dass sich die Wertigkeit oder Qualität einer zum Ausdruck gebrachten Emotion in den meisten Fällen eindeutig als positiv oder negativ bestimmen lässt. Da die Emotionsanalyse textimmanent verfährt und nicht rezeptionsästhetisch, ist an dieser Stelle Vorsicht geboten. Nicht die eigene Einschätzung, sondern die figurale Proposition, ihr Bewusstsein der Emotion muss identifiziert werden. Sollte sich bspw. für einen als UNCATEGORIZED klassifizierten Emotionstypen keine Qualität zuweisen lassen, wird diese Emotion als „neutral” annotiert. Auf diese Weise lässt sich auch das Phänomen der Gleichgültigkeit – einem bisher selten berücksichtigten emotionalen Zustand, bei dem keine Festlegung auf der Positiv-Negativ-Skala erfolgt (vgl. Schwarz-Friesel 2007) – einbeziehen. Die Annotation der Wertigkeit ist v. a. dann von Vorteil, wenn Sie abschließend generalisierende Aussagen über die Qualität eines im Text oder Textkorpus dominierenden Emotionsprofils machen möchten.
    • Indikatoren für die positive Qualität der Emotion: Der Zustand der Figur verändert sich und wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden aus. Alle Vertreter der Kategorie LIEBE und FREUDE/GLÜCK stellen positive und als angenehm erachtete Emotionen dar.
    • Indikator für die negative Qualität der Emotion: Der Zustand der Figur verändert sich und wirkt sich negativ auf das Wohlbefinden aus. Sämtliche Vertreter der Kategorien ZORN, FURCHT/ANGST, EKEL, TRAUER gehören zu den als negativen und unangenehm empfundenen Emotionen.
    • Beispiele:
      Franzel stand bei dem Rufe eine Secunde wie vesteinert; sie ließ dann die Kugeln auf die Bühne fallen und starrte, die zitternden Arme weit vorstreckend, nach dem Orte, woher der Laut gekommen war” (negative Wertigkeit: FURCHT/ANGST als Schrecken in Schmids Mohrenfranzl).
      „Ei sieh da, Hanney! rief der Alte vergnügt. Auch auf dem Jahrmarkt?” (positive Wertigkeit: FREUDE/GLÜCK als Erheiterung in Schmids Mohrenfranzl).
  • Property INTENSITÄT mit den Values „gemäßigt” und „erregt”: Die Intensität beschreibt den Aktivierungsgrad einer Emotion und kann zwischen heftig bis gemäßigt bzw. erregt bis beruhigt variieren (vgl. Schwarz-Friesel 2007). „gemäßigt” und „erregt” stehen hier als polare Gegensätze, die Sie bei Bedarf durch eine skalare Einteilung ergänzen können.
    • Indikator „erregt”: Sprachlich werden intensiv ausgelebte Emotionen durch die Verwendung von Dimensionsadjektiven, Partikeln, Vergleichen oder Exklamativsätzen kodiert. Zu aufwühlenden Emotionstypen zählen bspw. Scham und Zorn (Voss 2004). Innerhalb der Emotionsfamilien finden sich Emotionen, die qua Emotionstyp ruhigen oder erregten Emotionstypen entsprechen. Euphorie, Entsetzen, Grauen, Hingabe, Hass, Bestürzung oder Wahnsinn lassen sich eher Emotionen mit erregter Intensität zuordnen. Da sich die Intensität von Emotionen aber von Text zu Text unterscheidet und sich nur kontextsensitiv bestimmen lässt, ist von einer grundlegenden Einteilung aller Mitglieder einer Emotionsfamilien nach intensiven und extensiven Emotionsformen abzusehen. 
    • Beispiele für erregte Intensität:
      Noch freudeberauschter war Henriette” (positive Wertigkeit, FREUDE/GLÜCK (weiblich) in Form von Euphorie mit hoher Intensität in Zschokkes Der tote Gast).
      Sich selbst nicht empfindend, sank Friederike auf einen Sessel hin und verging im Traume ihrer Seligkeit und vergaß die Spazierfahrt” (1: neutrale Wertigkeit UNGEWISS/Gefühlskälte, nicht erregt; 2: positive Wertigkeit, FREUDE/GLÜCK in Form von Seligkeit mit hoher Intensität in Zschokkes Der tote Gast).
    • Indikatoren „gemäßigt”: Sprachlich werden gemäßigt zum Ausdruck gebrachte Emotionen bei Verzichten auf Dimensionsadjektive, Partikel oder Vergleiche in Aussagesätzen kodiert. Zu ruhigen Emotionstypen zählen bspw. Hoffnung und Neid (Voss 2004).10 In diese Kategorie fallen auch Erheiterung, Vergnügen, Besorgnis, Trübsal, Verärgerung oder Interesse.
    • Beispiel:
      Sprich nicht so kindisch, Julie! sprach die Mutter tadelnd, band einen rothen Shawl um, der auf dem Sopha lag, und der Onkel sagte gar nichts“ (negative Wertigkeit, ZORN in Form von Verärgerung mit gemäßigter Intensität in Fanny Lewalds Die Tante).
  • Property DAUER mit den Values „Dauerhafte Eigenschaft” und „Vorübergehender Zustand”: Emotionen sind permanent oder nicht-permanent im menschlichen Organismus verankert. Der zeitliche Verlauf emotionaler Prozesse ist variabel und orientiert sich an der Intensität. Die Dauer eines emotionalen Zustands kann Sekunden, Minuten oder mehrere Stunden umfassen (vgl. Schwarz-Friesel 2007). Im Kern zielt dieses Tagset darauf ab, Zustandsemotionen (emotionaler Zustand von kurzer Dauer, den eine Figur introspektiv wahrnehmen kann, der ihr also bewusst ist) und Eigenschaftsemotionen (in der Persönlichkeit der Figur permanent verankerte emotionale Repräsentationen; Persönlichkeitsmerkmale, die zum kontinuierlichen Ich-Zustand einer Figur gehören) voneinander zu unterscheiden.
  • Indikatoren „Vorübergehender Zustand”: Für wenige Sekunden andauernde und intensive emotionale Ausbrüche verweisen auf Zustandsemotionen und die grundlegende Instabilität von Emotionen.
    • Beispiel:
      „Ja, ich habe geweint. Aber ich bin nun glücklich, Mama” (TRAUER/Niedergeschlagenheit (negative Wertigkeit, gemäßigt) wird durch FREUDE/GLÜCK/Zufriedenheit (positive Wertigkeit, gemäßigt) abgelöst: Wechsel zwischen zwei emotionalen Phasen, wobei vor allem die zuvor empfunden TRAUER von kurzer Dauer war).
    • Indikatoren „Dauerhafte Eigenschaft”: Ein permanent anhaltender emotionaler Zustand verweist auf Eigenschaftsemotionen. Vergehen Angst, Trauer, Wut oder Freude nicht, sondern entwickeln sich zu anhaltenden Zuständen, können sie pathologisch werden. Personenbeschreibungen, die sich auf emotionale und gefühlsbetonte Eigenschaften der charakterisierten Person berufen, können eine Indiz sein.
    • Beispiel:
      Da sprach man denn von ihm als von einem ziemlich leichtsinnigen, ein wenig zum Stolz geneigten, im Ganzen aber freundlichen und milden Herrn, auf den man einst große Hoffnungen gesetzt und dessen Rückkehr man herbeiwünschte, ohne daran zu glauben, weil man in ihr die einzige Schranke für die oft unausstehliche Tyrannei der Beamten sah” (Der Figur werden unterschiedliche emotionale Eigenschaften wie Leichtsinn oder Mut, Stolz und Milde und Freundlichkeit zugeschrieben Adele Wesemales Eure Wege sind nicht meine Wege).

6. Nachweise

  • Anz, Thomas (2007): „Kulturtechniken der Emotionalisierung. Beobachtungen, Reflexionen und Vorschläge zur literaturwissenschaftlichen Gefühlsforschung.” In: Karl Eibl, Katja Mellmann und Rüdíger Zymner (Hrsg.): Im Rücken der Kulturen. Paderborn: mentis, 207–239.
  • Anz, Thomas (2012): „Gefühle ausdrücken, hervorrufen, verstehen und empfinden. Vorschläge zu einem Modell emotionaler Kommunikation mit literarischen Texten.” In: Sandra Poppe (Hrsg.): Emotionen in Literatur und Film. Würzburg: Königshausen & Neumann, 155–170.
  • Brokoff, Jürgen und Robert Walter-Jochum (2016): „Verachtung und Hass aus literaturwissenschaftlicher Sicht.” In: Hermann Kappelhoff, Jan-Hendrik Bakels, Hauke Lehmann und Christina Schmitt (Hrsg.): Emotionen. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: Metzler, 225–229.
  • Damásio, António Rosa (1997): Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche  Gehirn. München u. a.: List.
  • Damásio, António Rosa (2004): „Emotions and Feelings. A Neurobiological Perspective.” In: A. Manstead, N. Frijda and A. Fisher (Eds.): Feelings and Emotions. The Amsterdam Symposium. Studies in emotion and social interaction 2. Cambridge: Cambridge University Press, 49–57.
  • Ekman, Paul (1972): „Universals and cultural differences in facial expression of emotion.” In: J.K. Cole (Ed.): Nebraska Symposium on Motivation. Lincoln: University of Nebraska Press, 207–283.
  • Ekman, Paul (1988): Gesichtsausdruck und Gefühl. 20 Jahre Forschung von Paul Ekman. Paderborn: Junfermann.
  • Ekman, Paul (1994): The nature of emotions. Fundamental questions. New York u. a.: Oxford University Press.
  • Frevert, Ute (2016): „Vergängliche Gefühle.” In: Bernhard Jussen und Susanne Scholz (Hrsg.): Historische Geisteswissenschaften Frankfurter Vorträge. Band 4. Göttingen: Wallstein.
  • Giuriato, Davide (2016): „Zärtliche Liebe und Affektpolitik im Zeitalter der Empfindsamkeit.” In: Martin von Koppenfels und Cornelia Zumbusch (Hrsg.): Handbuch Literatur & Emotionen. Berlin/Boston: De Gruyter, 329–343.
  • Goebel, Eckart (2016): Melancholie in der Frühen Neuzeit. In: Martin von Koppenfels und Cornelia Zumbusch (Hrsg.): Handbuch Literatur & Emotionen. Berlin/Boston: De Gruyter, 275–290.
  • Hermanns, Fritz (1995): „Sprachgeschichte als Mentalitätsgeschichte. Überlegungen zu Sinn und Form und Gegenstand historischer Semantik.” In: Andreas von Gardt, Klaus J. Mattheier und Oskar Reichmann (Hrsg.): Sprachgeschichte des Neuhochdeutschen. Gegenstände, Methoden, Theorien. Reihe Germanistische Linguistik 159. Tübingen: Niemeyer, 69–101.
  • Kalwa, Nina (2015): „Emotionen in literarischen Texten: Eine sprachwissenschaftliche Textanalyse.” In: Jochen A. Bär, Jana-Katharina Mende und Pamela Steen (Hrsg.): Literaturlinguistik – philologische Brückenschläge. Frankfurt am Main: Peter Lang, 255–275.
  • Kalwa, Nina und David Römer (2016): „Emotionen, sprachliches Handeln und Mentalität.” In: Christian D. Kreuz und Robert Mroczynski (Hrsg.): Sprache, Kultur, Mentalität. Sprach- und Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Analyse von Mentalitäten. Berlin: LIT,67–83. 
  • Lange, Stella (2016): Gefühle schwarz auf weiß. Implizieren, Beschreiben und Benennen von Emotionen im empfindsamen Briefroman im 1800. Heidelberg: Winter.
  • Mellmann, Katja (2016): „Empirische Emotionsforschung.” In: Martin von Koppenfels und Cornelia Zumbusch (Hrsg.): Handbuch Literatur & Emotionen. Berlin/Boston: De Gruyter, 158–175.
  • Menninghaus, Winfried (1999): Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Pieper, Irene (2017): „Nüchterne Spurensuche, reflexives Erinnern. Zur Lenkung von Leseremotionen in der literarischen Erinnerungskultur der Gegenwart.” In: Toni Tholen, Burkhard Moenninghoff und Wiebke von Bernstorff (Hrsg): Große Gefühle – in der Literatur. Hildesheim/Zürich/New York: Georg Olms, 67–83.
  • Roloff, Simon (2017): „Pathologie der Scham. Emotion und Selbstbeobachtung bei David Foster Wallace.” In: Toni Tholen, Burkhard Moenninghoff und Wiebke von Bernstorff (Hrsg): Große Gefühle – in der Literatur. Hildesheim/Zürich/New York: Georg Olms, 83–99.
  • Röhnert, Jan (2017): „»Eine // Wut, die still ist, trocknet / aus.« Zorn und Zen bei Rolf Dieter Brinkmann.” In: Toni Tholen, Burkhard Moenninghoff und Wiebke von Bernstorff (Hrsg): Große Gefühle – in der Literatur. Hildesheim/Zürich/New York: Georg Olms, 171–185.
  • Röttger-Rössler, Birgitt (2016): „Kulturelle Facetten der Scham.” In: Hermann Kappelhoff, Jan-Hendrik Bakels, Hauke Lehmann und Christina Schmitt (Hrsg.): Emotionen. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: Metzler, 230–234.
  • Süselbeck, Jan (2016): „Sprache und emotionales Gedächtnis. Zur Konstruktion von Gefühlen und Erinnerungen in der Literatur und den Medien”. In: Hermann Kappelhoff, Jan-Hendrik Bakels, Hauke Lehmann und Christina Schmitt (Hrsg.): Emotionen. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: Metzler, 282–295.
  • Voss, Christiane (2004): Narrative Emotionen. Eine Untersuchung über Möglichkeiten und Grenzen philosophischer Emotionstheorien. Berlin/New York: De Gruyter.
  • Winko, Simone (2003): Kodierte Gefühle. Zu einer Poetik der Emotionen in lyrischen und poetologischen Texten um 1900. Berlin: Erich Schmidt.
  • Winko, Simone (2019): „Literaturwissenschaftliche Emotionsforschung.” In: Hermann Kappelhoff, Jan-Hendrik Bakels, Hauke Lehmann und Christina Schmitt (Hrsg.): Emotionen. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: Metzler, 397–407.
  • 1. Für eine Darstellung der literaturwissenschaftlichen Emotionsforschung vgl. Winko 2019, 397–402.
  • 2. Vgl. z. B. Schonlau 2017: Neid und Intrige im Drama 1750 bis 1800; Hindiger 2013: Kummer und Trauer in Dramen des 18. und 19. Jhds.; Baisch 2010: Faszination im höfischen Roman; Hufnagel: 2013: Trauer im Nibelungenlied; Gödde 2016: Pathos in der griechischen Tragödie; Roloff 2017: Scham bei David Foster Wallace oder Röhnert 2017: Zorn bei Rolf Dieter Brinkmann.
  • 3. Vgl. z. B. Wieland 2013: Emotionswechsel in Max Frischs Montauk und Homo Faber; Lange 2016: Analyse von Emotionsmanifestationen in Briefromanen.
  • 4. Vgl. Winko (2003) wählt Gedichte aus zwölf um 1900 publizierten Lyrik-Anthologien aus und untersucht ein aus 2939 bestehendes Korpus hinsichtlich der Gestaltung und Kodierung von Emotionen; Kalwa 2015: semantische Textanalyse emotiver Bedeutungskomponenten von Patrick Süskinds Das Parfum und Christian Krachts Faserland.
  • 5. Sprach- und literaturwissenschaftliche Ansätze durchlaufen eine ähnliche Entwicklung. Ausgehend von einer ebenfalls in den 1990er Jahren einsetzenden Auseinandersetzung mit dem Phänomen Emotion finden sich ebenfalls nur wenige sprachwissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Emotionen. Einen Forschungsüberblick bietet z. B. Schwarz-Friesel (2007: 12–15) oder Kalwa und Römer (2016: 68–69).
  • 6. Da Emotionen im limbischen System verankert sind und einen Teil des menschlichen biologischen Systems darstellen, fallen in diese Kategorie diverse Ansätze, die Erkenntnisse der affektiven Neurowissenschaft, Neurobiologie und Psychologie einbeziehen. Vgl. z. B. Mellmann 2012: Modell der Schemakongruenz; Tilmann 2012: Untersuchung unbewusst erfolgender emotionaler Kommunikation anhand durch traurige Alltagsgeschichten hervorgerufenen Emotionen; Piper 2017: Lenkung der Emotionen von Leser*innen. In diese Kategorie fällt auch die empirische literaturwissenschaftliche Emotionsforschung, wobei mittels standardisierter Interviews oder – deutlich seltener – physiologischer Messungen die Emotionen während des Lesens untersucht werden, Vgl. z. B. Mellmann 2016: Überblick über die empirische Emotionsforschung. Unter diesen Perspektiven werden Emotionen als psychische Realitäten untersucht.
  • 7. In diesen Fällen werden Emotionen und Sprache im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, historischen Konjunkturen und Richtungswechseln sowie daran beteiligte Institutionen (Politische Öffentlichkeit, Medien, Arbeitsmarkt, Militär, Bildungswesen, Religion oder Familie) fokussiert. Vgl. Frevert 2016: Wandel von Scham/Ehre und Mitleid/Empathie; Goebel 2016: Melancholie in der Frühen Neuzeit; Giuriato 2016: Liebe im Zeitalter der Empfindsamkeit.
  • 8. Darüber hinaus finden sich diverse Ansätze, von denen hier nur einige erwähnt seien. Arnold (1960) benennt Furcht, Liebe, Ärger, Traurigkeit, Hass, Hoffnung, Begehren, Mut, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung und Widerwille. Gray (1982) definiert Furcht, Freude und Ärger als Basisemotionen. Pansksepp nennt Furcht, Erwartung, Ärger sowie Panik. Tomskin (1984) erkennt Furcht, Freude, Ärger, Verzweiflung, Ekel, Überraschung, Interesse, Scham und Zufriedenheit als menschliche Grundemotionen. Oatley/Johnson-Laird (1987) benennen Freude/Glück, Trauer, Angst/Furcht, Zorn, Ekel als die elementaren menschlichen Emotionen. Robert Plutchik (1980, psychoevolutionary Theorie) definiert acht Basisemotionen: Angst, Wut, Freude, Trauer, Ekel, Überraschung, Anerkennung und Erwartung. Anerkennung und Erwartung wurden später in Vertrauen und Antizipation umbenannt. Das von Plutchik entworfene „Rad der Emotionen“ umfasst neben den Basisemotionen diverse weitere Subkategorien. Carroll Izard (1987) beschreibt Interesse, Leid, Widerwille, Freude, Zorn, Überraschung, Scham, Furcht, Verachtung und Schuldgefühl als Basisemotionen. Argyle erkennt (1996): Glück, Trauer, Furcht, Wut, Ekel, Erstaunen und Interesse als solche und Klaus Scherer (2005) definiert nicht weniger als 36 Basisemotionen.
  • 9. Die enthaltenen Analysekategorien sind erweiterbar bzw. das → Tagset Narratologie lässt sich auch für die Emotionsanalyse einsetzten. Welche Instanz (Sprecher oder Figur) eine Emotion zugeordnet wird, ist für die sprachliche Gestaltung von Emotionen aussagekräftig. Die erzähltheoretische Analysekategorien Modus (Distanz, Fokalisierung) und Stimme des Sprechens (heterodiegetisch, homodiegetisch, autodiegetisch) sind im Rahmen einer Emotionsanalyse interessant, um textintern zu untersuchen, auf welche Art und Weise Emotionen einer Figur zugeschrieben werden (durch die Handlung der Figur selbst oder durch die Stimme) und um herauszufinden, wie mittel- oder unmittelbar Emotionen zutage treten. Die nähere Bestimmung der Präsentationsform der Emotionstypen (v. a. lexikalische, bildliche und rhetorische Formen der Präsentation) stellt eine weitere spannende Möglichkeit der Anschlussforschung dar.
  • 10. Die Unterscheidung geht zurück auf unterschiedliche Komponenten einer Emotion: 1) Intentionale Komponenten (kognitive, evaluative, imaginative Repräsentationen); 2) Behaviorale Komponente (expressiver Körperausdruck, sprachliche Handlungen); 3) Körperlich-Perzeptive Komponente (Empfindungen, physiologische Veränderungen) 4) Lust/Unlust-Komponente (H-Gefühle: Hedonistischer Ton einer Emotion, dessen Ausgestaltung darauf zurückgeht, ob die Emotion von dem Subjekt als bedrückend oder erhebend, unlustvoll oder lustvoll wahrgenommen wird. Ruhige Emotionen sind bei Voss Emotionen mit einer geringen affektiven Note.